Print (2014)

Stern Magazin – Die Insel der Ruhe

Kurz vor dem Ziel wollte er aufgeben, da wollte er umkehren. Diese trostlose Route vom Flughafen zum Fähranleger. Und dann noch all die Plattenbauten an der Südküste Teneriffas. Vater Weber mochte es einfach nicht mehr glauben, dass sein Sohn Oliver in dieser Fremde tatsächlich einen prächtigen Ort zum Leben und zum Arbeiten gefunden hatte. Eine Bootstour und eine Autofahrt später – okay, 180 Stufen kamen dann auch noch dazu – musste Vater Weber Abbitte leisten.

Oliver Weber, Arzt und Fotograf aus München, lebt heute 300 Kilometer westlich vor Afrika, auf Gomera, der zweitkleinsten Insel der Kanaren. Das Haus, das der 44-Jährige mit seiner Freundin bewohnt, liegt hoch im Valle Gran Rey. Wenn Weber morgens vor die Tür tritt, sieht er zur Linken und zur Rechten die grünen Wände des Tals, unten schwappt der Atlantik, und darüber spannt sich ein meist blauer Himmel. Zur Arbeit geht es die Serpentinen hinab in die Siedlung am Wasser.

Hüften, immer wieder neue Hüften: So sah bis vor acht Jahren Webers Alltag aus, gern auch mal 70 Stunden in einer Woche. Als er und seine Freundin in einer Fachzeitschrift lasen, dass auf den Kanaren zwei Ärzte gesucht würden, mussten sie nicht lange überlegen, auch wenn sie auf Gomera nie zuvor gewesen waren. „So herum ist es sicher ungewöhnlich“, sagt Weber. „Die meisten Menschen entdecken diesen Flecken während eines Urlaubs und beschließen dann, einen Teil ihres Lebens hier zu verbringen.“

Über lange Zeit sank auf der Insel die Zahl der Bewohner, denn die Arbeit hier war knapp. Ende der Sechziger dann entdeckten zunächst die ersten Aussteiger Gomera und ließen sich am entlegensten Ort nieder, an der Küste vom Valle Gran Rey. Als Ende des Siebziger das Tal an das Straßennetz angeschlossen wurde, kamen mehr Menschen, manche immer noch auf der Suche nach einem alternativen Leben, andere nur nach einem Ort, an dem der Urlaub nicht nach Norm verlief.

Auch heute noch dürfte nur an wenigen Flecken der Erde das Angebot an Hawaiianischen Entspannungsmassagen, Goldeschmiede-Workshops und Hula-Hoop-Jonglierkursen so dicht sein. Es gibt immer noch Esoterisches, aber seit einiger Zeit auch Pauschaltouristen. Viele Wege sind asphaltiert, es ist voller im Valle Gran Rey. „Aber glücklicherweise noch nicht zu voll“, sagt Weber. Auch wenn es manchen stören mag, dass er hier einen Urlaub lang sehr gut ohne ein Wort Spanisch auskommen kann.

Viele Besucher, das zeigen sie mit festem Schuhwerk schon auf den Fährschiffen, kommen um zu wandern. Dann geht es meist morgens mit einem Taxi oder dem Bus hoch in die Lavaberge, durch rote Lehmschluchten und über grüne Terrassen wieder hinunter. Auch Mountainbiker haben die Insel längst entdeckt. Und es gibt ein bisschen Strand aus schwarzem Vulkanstein, aber für den reist niemand an. Für seinen Bildband Social Life at Beach – er erscheint im Frühjahr diesen Jahres im Seltmann+Söhne Verlag – musste sich Oliver Weber, im zweiten Leben Fotograf, auf der Nachbarinsel Teneriffa auf die Lauer legen.

Um größtmögliche Abgeschiedenheit zu finden, ist Weber einige Male umgezogen, immer weiter das Tal hinauf. Mittlerweile lebt er 426 Meter über dem Meeresspiegel, seine spanischen Nachbarn geben ihm Tipps für das Bewirtschaften der Ackerfläche nebenan, er ist stolz auf das selbstgezogene Gemüse, das mittlerweile bei ihm auf den Teller kommt: Tomaten und Zwiebeln, Mais und Karotten. „Und wir haben auch Hühner. Großartig! So etwas wäre in einer Stadt wie München ja nie möglich gewesen.“

Wenn Weber einmal durchatmen will, geht auch er wandern, entlang der Küste im Westen oder oben im Nationalpark Garajonay zwischen den Lorbeerbäumen. Nach dem großen Brand vom Sommer 2012 sind viele Bäume, viele Flächen hier noch schwarz, und das Feuer walzte sich auch den Berg hinunter. Eines Nachts mussten Weber und seine Freundin ein paar Habseligkeiten zusammenraffen und ihr Haus verlassen. Bei der Rückkehr stellten sie fest: Glück gehabt. Ihr Haus war unversehrt geblieben.

Mit Freunden sammelte Weber und seine Lebensgefährtin Alexandra Geld, für neue Dächer, für neue Ziegen, denn auch viele Tiere waren verbrannt. Die Spanier schätzen den Arzt aus Deutschland und sein Engagement. Vor drei Jahren hat ihn die Partei Socialistas por la Gomera angesprochen, ob er nicht auch ein bisschen in der Politik mitmachen wolle. „Meinem Vater darf ich den Namen gar nicht nennen“, sagt Weber und lacht. Hauptsächlich ist es grün, was diese Sozialisten wollen: ein rücksichtsvoller Umgang mit der Natur im Valle Gran Rey. Die Nachbarinsel La Palma mag als die grünste der Kanaren gelten, Oliver Weber stört es nicht, er hat hier fast überall noch seine Ruhe. „Unser größtes Pfund“, sagt er, „ist die beschwerliche Anreise.“

Alf Burchardt – Stern Redaktion